1. Verkehrsflugplatz Lichtwiese Böllenfalltor / Niederramstädter Straße
Nachfolgender Beitrag erschien in "der adler", Heft 2/2004, Seite 44 - 45
FachFast vergessen ! Die Eröffnung eines Flugplatzes in Darmstadt vor 80 Jahren.
Nach dem Ersten Weltkrieg war ab 14. 12. 1918 ein Flugbetrieb auf dem Flugplatz "Griesheimer Sand" in Griesheim bei Darmstadt (ab Januar 1909 genutzt von August Euler) aufgrund der französischen Besatzung nicht mehr möglich. Daher überließ die Stadt Darmstadt dem am 8. 2. 1924 gegründeten "Bund Hessischer Flieger Darmstadt - Hessen-Flieger E.V." auf Antrag ein großes Wiesengelände nahe der Stadt am Böllenfalltor - die "Lichtwiese" - zur Nutzung als Flugplatz für den Flugsport und den künftigen Verkehrsflug.
Mit Schaufeln bewaffnet machten sich die Hessen-Flieger an die Arbeit und legten ein Flugfeld auf der Grasnarbe an. Bereits am 13./14. 7. 1924 wurde das Fluggelände in Anwesenheit des Hessischen Staatsprä- sidenten Carl Ulrich mit einer großen Flugveranstaltung (wahre Bevölke- rungsmassen kamen) mit Kunstflügen, Rundflügen und Starts bzw. Landungen von Junkers-Verkehrsflugzeugen eingeweiht. 1925 war in "Kunst und Leben" zu lesen: "Es dürfte wenige Flugplätze in Deutschland geben, die landschaftlich so schön und für den Verkehr so günstig gelegen sind wie der Flugplatz der Hessen-Flieger in Darmstadt." Be- grenzt durch die Nieder-Ramstädter Straße und den Alten Friedhof, Schrebergärten, Hochschulstadion und der Odenwaldbahn am Waldrand soll hier der Überlieferung nach im 18. Jahrhundert Matthias Claudius sein bekanntes Abendlied "Der Mond ist aufgegangen ... " gedichtet haben und auch Goethe genoß hier die Natur.
Gg. Liebig & Co. Nachf., Darmstadt, eröffnete eine Tankstelle für den Flugbetrieb auf dem Flugplatz und so stand dem Deutschen Luftwettbewerb vom 27. bis 30. 9. 1924 mit einem 5-Länder-Flug mit über 525 Kilometern Strecke nichts mehr im Wege. Am 28. 9. gab es beim Schnelligkeitswettbewerb einen Flugzeugunfall, bei dem eine Maschine beim Umkreisen der Ludwigsäule den Motor verlor und notlanden mußte.
Es zeigte sich aber bald, daß der Bund Hessischer Flieger mit den geringen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln die wichtigste der vorgesehenen Aufgaben, den Anschluß Darmstadts an das Luftverkehrs- netz, nicht durchführen konnte. Die Stadtverwaltung veranlaßte im Jahr 1925 die Gründung der Hessischen Flugbetriebs A.G. Darmstadt" - Verkehrsflug und Sportflug - (Abkürzung Hefag), Startkapital 130.000 Reichsmark, zum weiteren Ausbau des Flugplatzes als Verkehrsflug- hafen. Daran beteiligt waren in erster Linie die Stadt, die Technische Hochschule, der hessische Staat und die Deutsche Aero Lloyd A.G. sowie zahlreiche heimische Industrielle, Banken und Privatpersonen.
Nach den notwendigen Dränagearbeiten durch die Stadt und der Errichtung einer Flughalle, 30 x 21 Meter (auf dem Wellblechdach standen die Lettern "Darmstadt"), mit Reparaturwerkstatt (in Holzkon- struktion und vollkommener Blechverkleidung) durch die Hefag wurde der Platz am 1. Juni 1925 von den Hessen-Fliegern der Hefag übereignet. Man richtete eine neue Fliegerschule für Verkehrs- und Sportflieger ein. Der Flugplatz wurde von der dem Polizeiamt Darmstadt unterstellten Polizeiflugwache betreut und führte später auch die Paßkontrollen bei Auslandsflügen (wie Amsterdam, Wien, Paris) durch. 1927 sollte noch ein Flughafen-Restaurant dazukommen. Das Rollfeld hatte in Nordsüd-richtung eine Länge von 500 Metern und war durch Fähnchen sowie Nachtbefeuerung markiert. Bei der Orientierung zur Landung half ein kleines Ölfeuer in einer Ölwanne mit einer weithin sichtbaren Rauchfahne in der Mitte des Fluggeländes, das die Flughafenpolizei rechtzeitig vorher entzündete. Bei der feierllichen Eröffnung als Verkehrsflughafen zu Pfingsten 1925 wurden u. a. drei Flugzeuge getauft.
Staat und Stadt bewilligten bald weitere Mittel für die geplanten Luftver-kehrsstrecken von und nach Darmstadt. Die Deutsche Luft Hansa A. G. (gegründet am 6. 1. 1926 in Berlin) nahm von insgesamt 8 Strecken am 5. 4. 1926 eine regelmäßige Fluglinie Darmstadt - Mannheim - München (Flugzeit 4 Std., 75 Mark) mit einer Junkers F 13 auf. Die Ansprachen zu diesem für Darmstadt großen Ereignis schlossen mit einem abgewan-delten Wilhelm-Busch-Zitat:
"Eins, zwei, drei im Sauseschritt eilt die Zeit, Darmstadt fliegt mit."
Emil Schwarz wurde zum Direktor der Hefag bestellt und zugleich Flugleiter der Deutschen Luft Hansa. Das Streckennetz konnte in den nächsten Jahren erweitert werden, bis leistungsfähigere Verkehrs-maschinen eine Zwischenlandung in Darmstadt überflüssig machten. Der Sommerflugplan 1934 der Luft Hansa wies nur noch eine Flugstrecke über Darmstadt nach Baden-Baden aus, die am 30. 9. 1934 eingestellt wurde. Die politischen Verhältnisse hatten sich grundlegend geändert und es wurden andere Ziele verfolgt.
Neben der Hefag nutzten die Flugvereine das Fluggelände nicht nur für den Motorflug sondern vor allem auch zur Anfängerschulung auf Gleit-fliegern vom Typ "Zögling" oder "Hol's der Teufel" mit Gummiseilstart. Zahlreiche Flugveranstaltungen und Feste prägten das Bild. Experimente mit neuen Flugzeugkonstruktionen und der erfolgreiche Autostart der Hessenflieger im Herbst 1929 mit einem "Zögling" fanden in Luftfahrt-kreisen große Beachtung. Auch ein Prallluftschiff ankerte 1933 längere Zeit für Filmaufnahmen auf dem Verkehrsflughafen.
Besonders hervorzuheben ist die Arbeitsgruppe des Forschungsinstitutes für Segelflug der Rhön-Rossitten-Gesellschaft (R.R.G.), eng verknüpft mit dem Lehrstuhl für Meteorologie der Technischen Hochschule mit Pro-fessor Dr. Walter Georgii als Leiter. Vor allem war für den Flugbetrieb das Wetter stets ein wichtiges Thema (die Verhältnisse in den Luft-schichten waren noch nicht genügend erforscht). Die "Sternstunde des Segelfluges" - das Kreisen im thermischen Aufwind über der Ebene am 30. April 1928 von der Lichtwiese aus brachte dem Segelflug den ent-cheidenden Schritt zur Weiterentwicklung (s. Bericht in "der adler", 12/2003, S. 558/559). Die 1926 begonnenen Versuchsaufstiege der R.R.G. wurden am 1. 4. 1929 von der durch die Flugsicherung eingerichteten Wetterflugstelle Darmstadt übernommen und diese zog Ende 1933 auf den Flugplatz "Griesheimer Sand" um. Der allgemeine Flugbetrieb wurde Ende 1934 ebenfalls (vor allem aus Sicherheitsgründen) auf den Mitte 1930 von den Franzosen geräumten und inzwischen sanierten Griesheimer Flugplatz verlegt. Der stillgelegte Flughafen diente weiter als Notlandeplatz für Segelflugzeuge und wurde Anfang des Zweiten Weltkrieges von der Militärverwaltung als Ersatz-Feldflugplatz ausgebaut, aber nie genutzt. Nur Flakgeschütze zielten von hier auf feindliche Flugzeuge.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete sich in der gerodeten Einflugschneise durch Samenflug ein Erlenstreifen. Auf dem freien Wiesengelände wurden ab den sechziger Jahren große Gebäude für die Technische Universität sowie eine Schule errichtet. Ein Teil wurde zum Bürgerpark Ost umgestaltet. Heute erinnert nichts mehr an den "Alten Flugplatz" und seine wichtige Rolle für die Stadt und die Entwicklung in der Luftfahrt. Im Herbst schweben nur ein paar bunte Papierdrachen im Wind und begeistern - wie einst - Groß und Klein.
Eine Dokumentation über diesen Flugplatz hat die Autorin in mehrjähriger Arbeit zusammengetragen und im Herbst 2002 über die DGLR in Bonn veröffentlicht.
Im Jahr 2008 wird der Flugplatz 100 Jahre alt. Die Technische Universität Darmstadt, die seit 2005 Eigentümerin des Flugplatzes ist, veranstaltet aus diesem Anlaß am 30./31. August 2008 einen Flugtag. Von mir wird im August 2008 ein Buch über die Flugplatzgeschichte erscheinen. Einige Daten können der "Zeittafel" entnommen werden. Auch weise ich auf meinen Beitrag unter dem Stichwort "Flugplätze" im "Stadtlexikon Darmstadt" hin, s. auch "MeinePublikationen".
Alles begann mit dem Geschäftsmann August Euler, der 1908 den Truppenübungsplatz Griesheim bei Darmstadt - den Griesheimer Sand - für seine Pläne, Motorflugzeuge zu bauen und zu fliegen, als geeignet ansah und für einen Teil des Fußexerzierplatzes einen Pachtantrag stellte.Nach der Genehmigung errichtete Euler dort 1909 die erste deutsche Flugzeugfabrik, eine Flugzeughalle mit Nebenräumen nebst Pilotenschule, legte dort am 31. Dezember 1909 seine Flugzeugführerprüfung als erster Pilot in Deutschland ab und baute, flog und unterrichtete auf seinem Flugplatz, bis er 1912 nach Frankfurt-Niederrad übersiedelte, um sich dort zu vergrößern. Der Flugplatz Darmstadt blieb bestehen und wird bis heute in vielfältiger Weise genutzt.
Eine wissenschaftliche Publikation mit 300 Seiten und 182 Bildern über den August-Euler-Flugplatz - Erscheinungsdatum Ende August 2008 - gibt Auskunft zur Historie des Flugplatzes - siehe "Meine Publikationen".
Weitere Informationen finden sich auf der Webseite des TU-Windkanals unter "August Euler Flugplatz – Forschungs und Versuchsfreigelände der TU Darmstadt.